Nun bin ich schon seit über einem Jahr in speziellen sozialen Netzwerken, die sich mit bestimmten Themen und Interessen befassen, so auch in einem Netzwerk zur Partnersuche. Damit verbunden ist natürlich dann auch ein Jahr der Erfahrungen mit den Usern, deren Auftreten im Netz und dem Auftreten im realen Leben verbunden.
In Zeiten des Internets hat sich die Partnersuche etwas verändert. Lernte man früher noch Menschen auf der Straße, in der Kneipe oder auf der Arbeit kennen, so ist das Internet hinzugekommen. Hinzugekommen ist hierbei das richtige Stichwort, denn das ist das, was einige User scheinbar verlernt haben: Ein Teil der User führt den Erstkontakt nur noch anonym und in Schriftform durch. Eher seltener wird man auf der Straße angesprochen. Das birgt Risiken und Chancen zugleich. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass ein persönliches Gespräch, Auge in Auge, nie einen Schrift- oder Videochat ersetzt. Und in letzter Konsequenz muss man sich ja treffen, wenn man jemanden kennenlernen möchte.
Aber wo liegt nun der Reiz an sozialen Netzwerken, wenn man einen Partner sucht? Da gibt es, bei rein sachlicher Betrachtung, einige positive Unterschiede zum realen Leben. Beginnen möchte ich mit den Präferenzen, die man an einen Partner stellt. Niemand kann sich davon frei machen: Das Auge isst mit. So ist sicher eines der Vorteile im Netz, die User haben größtenteils Bilder von sich eingestellt. Man kann sich also ein Bild von einem User machen, ohne gleich in der Bar ständig zu starren. Ob die Bilder echt sind oder nachgearbeitet oder die Motive gar keine so genannten Facepics sind, lass‘ ich jetzt mal so dahin gestellt.
Schaut man sich so ein Profil genauer an, so werden dort weitere Informationen zur Verfügung gestellt, wie zum Beispiel Größe, Figur, Haarlänge und Haarfarbe, Gewicht und vieles mehr. Taucht man etwas tiefer in das Profil des Users ab, so kann man mehr über Interessen, Beruf, Sport und persönliche Informationen erfahren. Eigentlich eine schöne Sache, schließlich kann man schon alleine über diese Parameter schnell prüfen, ob der Mensch überhaupt ähnlich tickt. Lohnt sich also eine Kontaktaufnahme. Im realen Leben lässt sich so etwas nur über ein oder mehrere Gespräche herausfinden, und das kostet bekanntlich Zeit.
Profile helfen also Entscheidungen zu treffen, toll, will man meinen. Aber das Leben ist nun einmal anders. Und so konnte ich auch entsprechende Erfahrungen sammeln. Letztlich füllt jeder User, bewusst oder unbewusst, das Profil so aus, wie man sich nun einmal sieht. Selbst mir ist das am Anfang passiert, da habe ich mich mal eben 2cm mehr Körpergröße gegönnt. Und so macht man sich eben dünner, sportlicher, jünger, hübscher… Aber das merkt man dann ja, wenn man Zeit investiert und so genannte Dates ausmacht.
Rein rechnerisch nehmen sich die klassischen Wege Menschen kennenzulernen nichts zu dem zusätzlichen virtuellen Weg des Kennenlernens, denn ist ein Profil gefaked, so erfährt man das erst im realen Leben. Und geht man dann einfach wieder oder bindet man sich 2 bis 3 Stunden ans Bein, weil man höflich ist?
Wenn man die erste Hürde genommen hat, und sich dann einem User auch im realen Leben nähert, so wird man schnell erkennen, dass auch dort dieselben Regeln gelten, wie man sie bei den klassischen Wegen des Kennenlernens kennt. Es gibt halt verschiedene „Typen“, die einen entsprechend blenden können, oder die einfach nur durch ihre Lebensgeschichte nicht in der Lage sind, sich auf einen Menschen einzulassen. Gerade bei Männern ist das ausgeprägt.
Das Coming Out kostet scheinbar so viel Kraft und ist bei den meisten mit so viel seelischem Schmerz verbunden, dass das Glück und Gefühle auf der Strecke geblieben sind. Die Fähigkeit Beziehungen zu beginnen ist geprägt von der Möglichkeit in den Netzwerken an schnellen Sex zu kommen und sich auf keine Verbindlichkeiten einzulassen. Warum auch, manche User schalten abends ihr Netzwerk an und haben am selben Abend ihren Sex. Kostengünstiger und schneller geht es ja nicht. Doch wenn man am nächsten Morgen in den Spiegel schaut, wird einem bewusst, das kann es ja nicht sein.
Das ist auch im realen Leben ein Teufelskreis, aus denen die meisten Menschen erst ab dem 30. Lebensjahr beginnen auszubrechen. Dass sie bis dahin eigentlich total verkorkst sind, mal abgesehen von den gesundheitlichen Gefahren, erfahren sie dadurch, dass kurzerhand viele kurze Affären als Beziehungen gesehen werden, diese scheitern und sie dann ganz frustriert wieder in alte Rollenmuster fallen.
So hat das Internet seine Vorteile, aber eben auch Nachteile. Ein Netzwerk ist nur so gut, wie seine User ehrlich sind. Und das reale Leben benötigt in der Szene eine gewisse Korrektur, damit eben keine Energien verschwendet werden, keine Seelen gebrochen werden und Akzeptanz nicht mehr nur noch durch Demonstrationen provoziert wird.






